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Biografie

„Ich bin von N[üesch] mit Knalleffekt abgesegelt. Besuchen Sie mich,
wann Sie Zeit haben, dann erzähle ich Ihnen ein gelungenes Histörchen.“

Albert Einstein an Conrad Habicht, 4. Februar 1902

EINSTEIN IN SCHAFFHAUSEN

Anfang September 1901 schrieb Einstein an seinen ehemaligen Kommilitonen Marcel Grossmann: „Doch bin ich nun auch in der glücklichen Lage, wenigstens für ein Jahr die ewige Nahrungssorge los zu sein. Ich bin nämlich vom 15. September an bei einem Mathematiklehrer in Schaffhausen, einem gewissen Dr. J Nüesch als Privatlehrer angestellt, wo ich einen jungen Engländer für die Maturität vorzubereiten habe. Du kannst Dir denken, wie glücklich ich darüber bin, wenn auch eine solche Stelle für eine selbstständige Natur nicht gerade ein Ideal ist. Doch glaube ich, daß dabei immerhin noch ein wenig Zeit für meine Lieblingsstudien übrig bleibt, so daß ich wenigstens nicht dabei einrosten muß.“

Aus dem in dem Brief erwähnten einen Jahr sollten es aber nur 4 ½ Monate werden.

Schaffhausen, der nördlichste Kanton der Schweiz gehört zur Nordost- und Ostschweiz. Der Hauptort und zugleich größte Ort des Kantons ist die gleichnamige Stadt Schaffhausen die zur Zeit Einsteins ca. 15.000 Einwohner hatte. Von Schaffhausen nach Winterthur beträgt die Entfernung ca. 30 km, nach Zürich ca. 55 km.

Der Schweizer Pädagoge und Prähistoriker Dr. Jakob Nüesch (1845-1915) suchte im August 1901 per Inserat in der Schweizerischen Lehrer-Zeitung für seine Knabenpension in Schaffhausen eine Hilfskraft. Dank der Empfehlung seines ehemaligen Kommilitonen Jakob Ehrat erhielt Einstein die Stelle.

1 Wohnhaus und Schulgebäude von Dr. Jakob Nüesch

Von Winterthur kommend, wo er noch einige Zeit an seiner Dissertation gearbeitet hatte, kam Einstein Mitte September 1901 nach Schaffhausen. Dort wohnte er zunächst in der Fulachstrasse 22 im Hause seines Arbeitgebers Dr. Nüesch, der eine private „Lehr- und Erziehungsanstalt“ betrieb. Er war verheiratet und hatte drei Töchter und einen Sohn. Einsteins Aufgabe war es, den neunzehnjährigen Engländer Louis Cahen, der an der ETH in Zürich Architektur studieren wollte, auf die Maturität vorzubereiten. Lehrer und Schüler sind wohl leidlich miteinander ausgekommen. So schreibt der Einstein Biograph Carl Seelig: „Auf beiden Seiten scheint der Lern- und Lehreifer jedoch temperiert gewesen zu sein.“ Aus dieser Zeit sind noch zwei, von Einstein korrigierte Unterrichtshefte, gefüllt mit mathematischen Formeln und Zeichnungen erhalten geblieben. Sie befinden sich heute im Stadtarchiv in Schaffhausen.

2, 3 Arbeitshefte von Louis Cahenmit Notizen Einsteins

Nach einigen Wochen fühlte sich Einstein in seiner Bleibe im Hause Nüesch nicht mehr wohl. Es kam immer häufiger zu Meinungsverschiedenheiten und Streitereien zwischen Einstein und Nüesch.

Einstein suchte sich ein neues Zimmer und fand es in der Fulachstrasse 6 bei dem Lehrerehepaar Cäcilia und Carl Baumer. Über sein neues Zimmer schrieb Einstein am 28. November an Mileva: „Im neuen Stübchen ist es sehr behaglich, wenn dasselbe auch nur mich und den lieben roten Lampenschirm als Zierde hat, …“

Im selben Brief heißt es: „Ich lebe hier, wie wenn ich völlig allein wäre, indem ich mit keinem Menschen privatim verkehre.“

In einem Brief an Mileva schrieb er am 12. Dezember: „Ich beschloß daher, mirs hier so wohnlich als möglich einzurichten. Ich ging daher zu N[üesch] und sagte ihm, er solle mir das Geld zum Essen geben, damit ich eventuell noch eine kleine Ersparnis machen könne. Er sagte, indem er rot vor Zorn wurde, er werde sichs überlegen. Dann hielt er Rat mit seiner saubern Frau Gemahlin. Als ich am Abend wieder kam, war er sehr batzig und sagte mit Autoritätsmine: ‚Sein kennen unsere Bedingungen, es besteht kein Grund, davon abzuweichen. Sie können mit Ihrer Behandlung recht zufrieden sein‘. Da sagte ich: ‚Gut, wie Sie wollen, für den Augenblick muß ich nachgeben – ich werde schon Existenzbedingungen zu finden wissen, die mir besser passen‘. (Denk wie frech, in meiner Lage!) Er verstand dies und wurde sofort mürbe. Er merkte, daß es mir weniger auf eine Ersparnis ankomme als darauf, nicht mehr mit ihm und seiner saubern Familie speisen zu wollen, verschlang seine Wut, und sagte mit möglichst sanfter Stimme: ‚Wären Sie zufrieden, wenn ich Ihnen irgendwo das Essen nähme, in einem Gasthaus?‘ Ich verstand sofort, warum er das wollte – damit man ihm nicht nachrechnen kann, wie viel er von den für mich ausgesetzten 4000 fr. stiehlt. Ich bejahte also vergnügt und empfahl mich mit der Bemerkung, daß er es möglichst schnell einrichten solle, ich hatte ja meinen Zweck erreicht. Die Leute sind nun schäumend vor Wut gegen mich, aber ich bin jetzt eben so frei wie jeder andere Mensch. […] Es lebe die Unverfrorenheit! Sie ist mein Schutzengel in dieser Welt.“

Da ihm auch die schulmeisterliche Idylle bei der Familie Baumer nicht gefiel, suchte er sich im Dezember ein neues Zimmer. Er fand dies in der Bahnhofstrasse 102 über dem Restaurant „Cardinal“ wo er bis zum Ende seiner Lehrtätigkeit in Schaffhausen wohnte.

Mit seinem Schüler ist Einstein trotz dessen mangelnden Lerneifers zurechtgekommen. Er dachte sogar kurz darüber nach, ihn später mit nach Bern zu nehmen um ihn dort weiter zu unterrichten. Aus diesem Plan wurde aber nichts.

Einstein hatte sich am 18. Dezember 1901 durch die Vermittlung seines ehemaligen Kommilitonen Marcel Grossmann um eine Stelle am Berner Patentamt beworben.

In Schaffhausen fand Einstein keinen Gesprächspartner mit dem er sich über aktuelle Themen der Physik hätte unterhalten können. Dennoch beschäftigte er sich intensiv mit der Physik. So schrieb er am 17. Dezember 1901 an Mileva: „Ich arbeite eifrigst an einer Elektrodynamik bewegter Körper, welches eine kapitale Abhandlung verspricht.“ Diese Arbeit führte 1905 letztlich zur Veröffentlichung seiner „speziellen Relativitätstheorie“. Er arbeitete auch an seiner Dissertation, die er im November 1901 an der Universität Zürich einreichte, aber bereits im Februar 1902 wieder zurückzog.

Mit seinem Freund Conrad Habicht der in Schaffhausen wohnte hatte er Gelegenheit gemeinsam Geige zu spielen, oder klassische Konzerte zu besuchen, die ihm gefallen haben. An Mileva schrieb er am 28. November: „Vorgestern Abend veranstalteten die hiesigen Musiklehrer einen Kammermusikabend, der über meine Erwartungen genußreich war.“ Am 11. Dezember hatte er sogar die Gelegenheit bei einem Abonnementskonzert gemeinsam mit Habicht und den übrigen Mitgliedern Geige zu spielen. Sein anderer Schaffhauser Freund, Jakob Ehrat, lebte und arbeitete zu dieser Zeit in Zürich.

4 Mileva Maric, um 1896

Um ihrem Liebsten nahe zu sein wohnte Mileva Maric einige Tage in Stein am Rhein, ca. 20 km entfernt von Schaffhausen, im Hotel Steinerhof. Mileva erwartete ihr erstes Kind. Der verliebte Einstein versuchte seine schwangere Freundin, wenn sich die Gelegenheit ergab, zu besuchen. Dies aber war aus finanziellen Gründen nicht oft möglich. So schrieb Mileva am 13. November 1901: „Jetzt kommst Du wieder morgen nicht! Und sagst nicht einmal: ich komme dafür Sonntag. Aber gellst dann überrascht Du mich sicher. […] Aber hast Du wirklich kein Gelderl mehr? Schöne Sache! verdient der Mann 150fr. hat Kost und Wohnung, und hat am Ende des Monats keinen Centim!“

Albert Einsteins Schaffhauser Aufenthalt und Lehrtätigkeit endete vorzeitig Ende Januar 1902.

Im Februar 1902 kam der 23jährige Einstein nach Bern, wo er im Juni als technischer Experte der 3. Klasse eine Stelle beim Eidgenössischen Amt für geistiges Eigentum antrat.

Bildernachweis:
© Stadtarchiv Schaffhausen: Abb. 1, 2, 3
Schweizerisches Literaturarchivs (SLA), Bern: Abb. 4

Literaturnachweis:

Albrecht FölsingAlbert Einstein. Eine BiographieFrankfurt am Main 1993
John Stachel, u.a.The Collected Papers of Albert Einstein, Volume 1Princeton 1987
Carl SeeligAlbert Einstein. Eine dokumentarische BiographieZürich 1954
Martin CordesAlbert Einstein in Schaffhausen
Begleitheft zur Ausstellung
Schaffhausen 2005