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München

Biografie

„Ein Wunder […] erlebte ich als Kind von 4 oder 5 Jahren, als mir mein Vater einen Kompass zeigte. […] Ich erinnere mich noch jetzt – oder glaube mich zu erinnern – dass dies Erlebnis tiefen und bleibenden Eindruck auf mich gemacht hat.“

Albert Einstein „Autobiographische Skizze“ 5), 1946

Albert Einstein in München

München

„München ist die Landeshauptstadt des Freistaates Bayern. Sie ist mit 1,5 Millionen Einwohnern [2025 – ca. 1,6 Millionen] die bevölkerungsreichste Stadt Bayerns, die drittgrößte Gemeinde Deutschlands und mit 4.844 Einwohnern pro Quadratkilometer die am dichtesten bevölkerte Gemeinde Deutschlands. […] München wird zu den Weltstädten gezählt und gilt als Zentrum der Kultur, Politik, Wissenschaften und Medien. […] Vor Ort gibt es zahlreiche Konzerne, Universitäten und Hochschulen, bedeutende Museen, Theater und die einzige Börse Bayerns. Durch eine große Anzahl sehenswerter Bauten samt geschützten Baudenkmälern und Ensembles, internationaler Sportveranstaltungen, Messen und Kongressen sowie das weltbekannte Oktoberfest ist die Stadt ein Anziehungspunkt für den internationalen Tourismus und eine der meistbesuchten Städte Europas.“

Quelle: Wikipedia, 2026

Sehenswürdigkeiten in München (eine Auswahl): Frauenkirche, Marienplatz mit Neuem Rathaus und Glockenspiel, Karlsplatz (Stachus), Viktualienmarkt, Pinakotheken, Deutsches Museum, Bayerische Staatsoper, Platzl in der Altstadt mit dem Hofbräuhaus, Oktoberfest, Englischer Garten, Botanischer Garten, Olympiapark, Schloss Nymphenburg, Residenz mit Hofgarten, Tierpark Hellabrunn, Isar.

Von Ulm nach München

Die wirtschaftlichen Verhältnisse erlaubten Hermann Einstein und seiner Familie in Ulm ein mehr oder weniger sorgenfreies Leben. Auf Initiative seines jüngeren Bruders Jakob zog Hermann Einstein aber im Sommer 1880 mit seiner Frau Pauline und dem einjährigen Albert nach München. Dort hatte er die Möglichkeit, bei seinem Bruder Teilhaber der Firma Jakob Einstein & Cie. zu werden. Am 21. Juni 1880 meldete sich Hermann Einstein mit seiner Familie in München polizeilich an. Dort wohnten sie im Münchner Stadtteil Isarvorstadt, in der Müllerstraße 3 im 3. Stock. Zur Zeit Einsteins hatte München ca. 250.000 Einwohner.

Am 18. November 1881 wurde Albert Einsteins Schwester Maria – genannt Maja – geboren. Als der kleine Albert seine Schwester zum ersten Mal sah, er dachte wohl, dass ein Schwesterchen ein Spielzeug sei, fragte er: „Ja, aber wo hat es denn seine Rädchen?“ Maja und ihr Bruder Albert haben sich Zeit ihres Lebens sehr gut verstanden.

1 Albert Einstein und seine Schwester Maja (Maria), 1884

Albert Einsteins Kindheit verlief, bis auf den für die Familie beunruhigenden Umstand, dass er erst sehr spät sprechen lernte, normal.

Im Alter von 4 oder 5 Jahren erlebte Albert Einstein seinen eigenen Worten nach „ein Wunder“, das einen tiefen und bleibenden Eindruck bei ihm hinterließ. Sein Vater zeigte ihm einen Kompass, der ihn tief beeindruckte. Er konnte nicht verstehen, dass die Kompassnadel, wie er den Kompass auch drehte, immer in dieselbe Richtung zeigte. Da musste etwas hinter den Dingen sein, das tief verborgen war.

Um ihn auf die Schule vorzubereiten, erhielt er ab 1884 Privatunterricht durch eine Lehrerin. Alberts Mutter sorgte dafür, dass er ab 1885 im Alter zwischen 6 und 14 Jahren bei einem Musiklehrer Violinunterricht hatte. Dabei hat er sich seinen eigenen Worten nach hauptsächlich in Mozartsonaten verliebt. Oft begleitete Alberts Mutter ihren Sohn am Klavier. Einige Jahre später setzte sich Albert zur Zerstreuung auch selbst ans Klavier. Wie beim Geigespielen konnte er, versetzt in eine ruhige Geistesstimmung, besser nachdenken. Im Hause der Familie wurde viel und gut musiziert.

Die musikalische Begabung Alberts stammt von der Familie seiner Mutter (Familie Koch). Die mathematische und logische von der Seite der Familie Einstein.

„Der sonst so ruhige kleine Junge hatte indes von Grossvater Koch eine Neigung zu Jähzornsausbrüchen abbekommen. In solchen Momenten wurde er im Gesicht ganz gelb, die Nasenspitze aber schneeweiss, u. er war nicht mehr Herr seiner selbst. Bei irgend einer solchen Gelegenheit ergriff er einmal einen Stuhl u. schlug damit nach der Lehrerin, die darob solchen Schreck empfand, dass sie entsetzt fortlief u. sich nie mehr blicken liess. Seinem Schwesterchen warf er ein andermal eine grosse Kegelkugel an den Kopf u. ein drittes Mal diente eine Kinderhacke ihm dazu, ihr ein Loch in den Kopf zu schlagen. Woraus ohne weiteres ersichtlich ist, dass auch ein gesunder Schädel dazu erforderlich ist, die Schwester eines Denkers zu sein. Der Jähzorn verschwand schon während der ersten Schuljahre.“

Quelle: The Collected Papers of Albert Einstein (CP), Volume1, Maja Winteler-Einstein, „Albert Einstein – Beitrag für sein Lebensbild“

Am 31. März 1885 zog die Familie in ein Haus im Rengerweg 14 (am 1. Januar 1887 umbenannt in die Adlzreiterstraße 14) im Münchner Stadtbezirk Ludwigsvorstadt-Isarvorstadt um. Auf dem Grundstück, in unmittelbarer Nähe zum Wohnhaus, befand sich auch die Fabrik seines Vaters und Onkels. Das Grundstück lag zwischen der Adlzreiterstraße und der Lindwurmstraße 125.

In dem Haus wohnten neben Albert und seiner Familie noch Alberts Onkel Jakob und seine Frau Ida Einstein mit ihren Kindern Robert und Edith.

1902 verkaufte die Familie Einstein ihr Münchner Anwesen. Das Haus wurde während des 2. Weltkrieges stark beschädigt und abgerissen.

2 Gedenktafel

Heute erinnert eine Gedenktafel in der Einsteinstraße 34 (früher Adlzreiterstraße 14) an Albert Einstein.

„Im Parkgarten der Eltern in München kamen häufig die Sprösslinge der Verwandtschaft zusammen. Albert hielt sich jedoch von deren wilden Spielen zurück & beschäftigte sich mit stilleren Dingen. Nahm er ausnahmsweise teil, galt er als der selbstverständliche Arbiter 1) in allen Streitfällen. Da Kinder in Bezug auf Ausübung der Gerechtigkeit noch meist ein sehr feines & unverdorbenes Gefühl haben, lässt die allseitige Anerkennung seiner Autorität auf die früh entwickelte Anlage, objektiv zu denken, schliessen. Auch die frühzeitige Gründlichkeit im Denken fand einen bezeichnenden, wenn auch seltsamen Ausdruck. Jeden ausgesprochenen Satz, sei er auch noch so alltäglich, sprach er leise, mit Lippenbewegung, noch einmal vor sich hin. Diese merkwürdige Gewohnheit legte er erst im 7. Lebensjahre ab.“

1) „Arbiter“: lateinisch für „Schiedsrichter“.

Quelle: CP, Volume1, Maja Winteler-Einstein, „Albert Einstein – Beitrag für sein Lebensbild“

Petersschule (katholische Volksschule) in München

Ab Oktober 1985 besuchte der 7jährige Albert, vermutlich ab der zweiten Klasse IIa, die Petersschule, eine katholische Volksschule in der Blumenstraße nahe dem Sendlinger Tor in der Münchner Altstadt.

3 Petersschule in München, ca. 1880

Unterrichtet wurden folgende Fächer (Quelle: CP, Volume 1):

2. Klasse (7. bis 8. Lebensjahr)

Religion (2 Stunden), Anschauungsunterricht (6 Unterredungen/Woche, Lesen, Sprachlehre, Rechtschreiben), Schönschreiben (2 Stunden), Singen (1 Stunde), Turnen (2 Stunden), Rechnen (6 Stunden)

3. Klasse (8. bis 9. Lebensjahr)

Religion (3 Stunden), Anschauungsunterricht (Lesen, Sprachlehre, Rechtschreiben, Aufsatz), Heimatkunde (2 Stunden), Schönschreiben (2 Stunden), Singen (1 Stunde), Turnen (2 Stunden), Rechnen (6 Stunden)

4. Klasse (9. bis 10. Lebensjahr)

Religion (3 Stunden), Anschauungsunterricht (Lesen, Sprachlehre, Rechtschreiben, Aufsatz), Heimatkunde (2 Stunden), Schönschreiben (2 Stunden), Singen (1 Stunde), Turnen (2 Stunden), Rechnen (6 Stunden)

Die Einstufung direkt in die zweite Klasse hing mit dem vorhergehenden Privatunterricht zusammen. Ein Jahr später wechselte er in die Klasse IIIa mit 70 Schülern und einen Monat später wechselte er in die Klasse IIIb. Dieser Wechsel von IIIa nach IIIb geschah wahrscheinlich aus disziplinarischen Gründen, weil Albert durch wiederkehrende Jähzorn Ausbrüche auffiel. Sein letztes Jahr in der Volksschule verbrachte er ab Oktober 1887 in der Klasse IVb mit 71 Schülern. In seiner Klasse war Albert der einzige Jude. Er nahm am katholischen Religionsunterricht teil. Der Religionslehrer mochte ihn und nach Einsteins eigenen Worten war die Lehrerschaft der Volksschule liberal und machte keine konfessionellen Unterschiede. Dem jungen Albert wurde trotzdem von seinem Religionslehrer eindrucksvoll vor Augen geführt, dass er sich unter lauter Christen als Fremder fühlen musste. Der Lehrer zeigte den Schülern einen großen Nagel und erzählte ihnen, dass die Juden mit solchen Nägeln Christus ans Kreuz geschlagen hätten. Diese Religionspädagogik führte bei den Schülern zu handfesten Aggressionen und die Folge war, dass unter den Schülern der Volksschule der Antisemitismus lebendig war. Angriffe und Beschimpfungen auf dem Schulweg waren aber meist nicht so bösartig wie sich Einstein später erinnerte.

„Mit seinem Eintritt in die Volksschule musste auch der in Bayern damals obligatorische Religionsunterricht begonnen werden. In der Familie selbst herrschte ein freisinniger, in religiöser Beziehung dogmenfreier Geist, den beide Eltern schon von zu Hause mitgebracht hatten. Von religiösen Dingen u. Vorschriften wurde nicht gesprochen. Da nun aber Albert Religionsunterricht haben musste von Gesetzes wegen, so ließ man ihn im Hause von einem entfernten Verwandten erteilen, wodurch ein inniges Religionsgefühl in ihm geweckt wurde. Er hörte von einem göttlichen Willen & von Gott wohlgefälligen Werken, von einer Lebensweise, die dem Willen Gottes entspreche, ohne dass diese Lehre ihm in ein bestimmtes Dogma zusammengefasst worden wäre. Dennoch war er in seinem religiösen Gefühl so voller Eifer, dass er von sich aus sich genau selbst an alle Einzelheiten religiöser Vorschriften hielt. Zum Beispiel aß er kein Schweinefleisch. Dies aus Gewissenspflicht, nicht weil er das Beispiel in der Familie vorgefunden hätte. Der selbstgewählten Lebensweise blieb er jahrelang treu. Später machte das religiöse Fühlen mehr dem philosophischen Denken Platz, wobei ihm aber stets eine absolute, strenge Gewissenstreue Richtschnur blieb.“

Quelle: CP, Volume1, Maja Winteler-Einstein, „Albert Einstein – Beitrag für sein Lebensbild“

Mit seinen Mitschülern kam er, bedingt durch seine zurückhaltende Art, halbwegs zurecht, erhielt aber wegen seiner Charakterzüge den Spottnamen „Biedermann“. Albert war ein guter Schüler, der auch immer alle Schularbeiten machte. Die Folge waren gute Schulnoten. So schrieb Alberts Mutter Pauline aufgrund eines Zeugnisses am 1. Oktober 1886 ihrer Schwester Fanny: „Gestern bekam Albert seine Noten, er wurde wieder der Erste, er bekam ein glänzendes Zeugnis …“

Der sicher und gründlich denkende Junge galt unter den Lehrern als mittelmäßig begabt. Das lag unter anderem daran, dass er zum Überlegen Zeit brauchte und auf die von dem Lehrer gewünschte Antwort etwas warten ließ. Albert war kein guter Rechner im Sinne der Beständigkeit, wohl aber zuverlässig und ausdauernd. Er fand auch mit Sicherheit immer den Weg, schwierige eingekleidete Aufgaben zu lösen, wenn ihm auch beim Ausrechnen leicht ein Rechenfehler unterlief.

Nur mit der körperlichen Ertüchtigung im Sportunterricht – ihm wurde schnell schwindlig und er ermüdete schnell – hatte er so seine Probleme.

Anders war es mit seiner Freizeitbeschäftigung. Hier wurde er nicht schnell müde. Zuhause aber wurde sehr darauf geachtet, dass erst die Hausaufgaben gemacht wurden, bevor das Spiel beginnen durfte. Bezeichnend für seine Talente waren es Geduldsspiele, komplizierte Laubsägearbeiten, Erstellungen von Bauten mit dem bekannten Ankersteinbaukasten sowie mit der Beschäftigung mit der Modell-Dampfmaschine, die ihm sein Onkel Caesar mitgebracht hatte. Sehr gerne baute er drei- bis vierstöckige Kartenhäuser. Maja berichtete, dass es dem zehnjährigen Albert gelang Kartenhäuser bis vierzehn Stock hochzubauen. Hierbei bedurfte es viel Geduld und Genauigkeit. Ähnlich wie seine Mutter hatte Albert eine ausdauernde Geduld.

4 Kartenhaus und Ankersteinbaukasten (2026)

Ab Oktober 1888 besuchte der 8 ½jährige Albert das Luitpold-Gymnasium in München.

Jakob Einstein & Cie.

[„Cie.“ ist die Abkürzung für das französische Wort „Compagnie“ (Kompanie/Gesellschaft)]

Direkt hinter dem Wohnhaus der Familie Einstein entstand ein zweistöckiges Gebäude, der spätere Sitz der Firma Jakob Einstein & Cie. In dem Gebäude wurden elektrotechnische Artikel gefertigt (Kabel, Bogenlampen, Dynamos, Generatoren, Stromzähler, Messgeräte…). Sogar eine komplette Telefonanlage gehörte in ihr Lieferprogramm. Die unterschiedlichen Interessen und Fähigkeiten der beiden Brüder führten dazu, dass Jakob sich um die Technik und Hermann sich um das Geschäftliche kümmerte. Finanziell unterstützt wurden die Brüder durch ihre Familie. Der elektrotechnische Zweig der Firma entwickelte sich erfreulich, sodass der Bereich Gas, Wasser sowie die Kesselflickerei aufgegeben wurde. Im Oktober 1880 hatten die beiden Brüder in München einen kleinen Betrieb zur Gas- und Wasserinstallation gegründet. 1885 verkauften sie ihre Anteile an der Firma Kiessling & Cie., die sie einige Jahre zuvor erworben hatten. Mit diesem Geld gründeten sie dann die Firma Jakob Einstein & Cie.

Es folgten große Aufträge wie die Beleuchtung des Münchner Oktoberfestes, die Installation elektrischer Straßenbeleuchtung im Münchner Vorort Schwabing und in den norditalienischen Städten Varese und Susa. In ihren besten Jahren hatte die Firma fast 200 Mitarbeiter. Im Jahr 1893 verschlechterte sich die Lage der Firma dramatisch. Wichtige Aufträge, wie z. B. die Beleuchtung der Münchner Innenstadt, gingen an Wettbewerber verloren. Die laufenden Kosten der Firma konnten nicht mehr gedeckt werden. Der Markt in Italien dagegen versprach günstige Aussichten für die Zukunft. Daher gründeten die Brüder im März 1894 gemeinsam mit italienischen Partnern die Firma „Einstein, Garone e. C.“ in Pavia, Norditalien. Die Firma Jakob Einstein & Cie. wurde im Juli 1894 liquidiert.

„Das bescheiden begonnene Unternehmen schien in einer Zeit, da alle Welt anfing die elektrische Beleuchtung einzuführen, sich gut entwickeln zu wollen. Allein die Pläne des Jakob Einstein gingen höher hinaus. […] Dazu gehörten eine grössere Fabrikanlage u. erhebliche Mittel sie in Betrieb zu setzen. Die ganze Familie – besonders Hermanns Schwiegervater, Julius Koch – ermöglichte das durch finanzielle Beteiligung, u. das Unternehmen kam zustande. […] Woran es lag, dass es nie zu einer eigentlichen Blüte gelangte, ist schwer zu sagen. Lag es daran, dass der ideenreiche Jakob Einstein seine Kräfte zersplitterte oder als optimistischer Feuerkopf nicht mit den Tatsachen zu rechnen verstand, kurz die Geschäfte gingen immer schlechter. Das mochte auch an Hermann Einstein, dem Vater Alberts, liegen, dem die ganz besonderen, für einen Kaufmann grösseren Stils erforderlichen Eigenschaften seiner mehr beschaulichen Natur halber vielleicht mangeln mochten. […] War daher Jakob Einstein, der stets auf Neues u. auf Veränderung bedachte, durch keinen Misserfolg belehrbare, übereifrige u. selbst hartnäckige Optimist, so gab ihm sein Bruder Hermann aus reiner Güte schon nach, bevor er selbst bei geschäftlichen Überlegungen zum Entschluss gekommen war. […] Der Absatz des Unternehmens war in Deutschland unbedeutend, dagegen sehr vielversprechend in Italien. Der italienische Vertreter des Geschäfts machte nun den Vorschlag, die Fabrik nach Italien zu verlegen. Jakob Einstein war von der Idee sofort derart gefangen, dass er Hermann Einstein zu der Veränderung überreden konnte, ja ihn förmlich mitriss. Die Fabrik in München wurde liquidiert, das schöne Anwesen mit der Villa, in der Albert Einstein eine glückliche Jugendzeit verbracht hatte, an einen Bauunternehmer verkauft, der sofort die schönen Anlagen als Baugrund verwendete, die prächtigen alten Bäume umhauen liess u. eine ganze Reihe hässlicher Mietskasernen erstellte. Die Kinder mussten bis zum Zeitpunkt der Übersiedlung noch vom Wohnhause aus der Zerstörung der Zeugen ihrer liebsten Erinnerungen zuschauen. Die Fabrik wurde nun also nach Pavia verlegt, die Familie siedelte 1894 nach Mailand u. ein Jahr später ebenfalls nach Pavia über. Der Erfolg des Unternehmens war indessen so schlecht, dass bereits 1896 liquidiert werden musste.“

Quelle: CP, Volume1, Maja Winteler-Einstein, „Albert Einstein – Beitrag für sein Lebensbild“

Als die Familie 1894 nach Italien übersiedelte, blieb Albert allein in München, um seine Ausbildung am Luitpold-Gymnasium zu beenden.

Luitpold-Gymnasium in München

Am 26. September 1888 fanden die Aufnahmeprüfungen auf dem Gymnasium in den Fächern Religion, Deutsch und Rechnen statt. Ab dem 1. Oktober 1888 war Albert Schüler des Luitpold-Gymnasium in München in der Müllerstraße 7 in der Isarvorstadt.

5 Luitpold-Gymnasium in München, 1912

1965 wurde das Luitpold-Gymnasium zu Ehren Albert Einsteins in Albert-Einstein-Gymnasium umbenannt.

Das Luitpold-Gymnasium war eine aufgeklärte Lehranstalt. Das Hauptaugenmerk lag auf den alten Sprachen, Latein und später Griechisch. Die Naturwissenschaften und die Mathematik wurden eher etwas zurückhaltend unterrichtet. Albert wurde mit anderen Juden im mosaischen Glauben unterrichtet.

Unterrichtet wurden folgende Fächer (Pflichtkurse, die Einstein belegt hat), (Quelle: CP, Volume 1):

1888/1889: Erste Lateinklasse, Abteilung B; Ordinarius: Rudolf Schwenk

Religion (2 Stunden), Latein (7 Stunden), Deutsch (6 Stunden), Arithmetik (3 Stunden), Geographie (2 Stunden), Kalligraphie 3) (3 Stunden)

1889/1890: Zweite Lateinklasse, Abteilung C; Ordinarius: Dr. Michael Doeberl

Religion (2 Stunden), Latein (10 Stunden), Deutsch (3 Stunden), Arithmetik (3 Stunden), Geographie (2 Stunden), Kalligraphie (3 Stunden)

1890/1891: Dritte Lateinklasse, Abteilung B; Ordinarius: Johannes Ungewitter, später Franz Joseph Engel

Religion (2 Stunden), Latein (10 Stunden), Deutsch (3 Stunden), Arithmetik (3 Stunden), Geschichte (2 Stunden), Geographie (2 Stunden), Naturkunde (1 Stunde), Turnen (2 Stunden), Kalligraphie (2 Stunden)

1891/1892: Vierte Klasse, Abteilung A; Ordinarius: Dr. Ferdinand Ruess

Religion (2 Stunden), Deutsch (2 Stunden) Latein (8 Stunden), Griechisch (6 Stunden), Arithmetik (2 Stunden), Geschichte (2 Stunden), Geographie (2 Stunden), Naturkunde (1 Stunde), Turnen (2 Stunden)

1892/1893: Fünfte Klasse, Abteilung B; Ordinarius: Franz Joseph Engel

Religion (2 Stunden), Deutsch (2 Stunden) Latein (8 Stunden), Griechisch (6 Stunden), Mathematik (4 Stunden), Geschichte (2 Stunden), Geographie (1 Stunde), Naturkunde (1 Stunde), Turnen (2 Stunden)

1893/1894: Sechste Klasse, Abteilung B; Ordinarius Dr. Ferdinand Ruess

Religion (2 Stunden), Deutsch (2 Stunden) Latein (7 Stunden), Griechisch (6 Stunden), Französisch (3 Stunden), Mathematik (4 Stunden), Geschichte (2 Stunden), Turnen (2 Stunden)

1894/1895: Siebte Klasse, Abteilung A; Ordinarius Dr. Joseph Degenhart

Religion (1 Stunden), Deutsch (2 Stunden) Latein (7 Stunden), Griechisch (6 Stunden), Französisch (3 Stunden), Mathematik (3 Stunden), Physik (2 Stunden), Geschichte (2 Stunden), Turnen (2 Stunden)

3) Kalligraphie ist die „Kunst des schönen Schreibens“.

Es ist ungewiss, ob Einstein zusätzliche Kurse wie Zeichnen und Musik belegt hat, da seine Schulakten nicht mehr existieren.

6 Klassenfoto von 1889, Luitpold-Gymnasium, Einstein in der vorderen Reihe als dritter von rechts

Der junge Albert war ein guter Schüler. In den Naturwissenschaften und der Mathematik war er, da er diese Fächer besonders mochte, ein sehr guter bis herausragender Schüler. Anders war es mit den alten Sprachen. So berichtete Maja, Alberts Schwester, in „Albert Einstein – Beitrag für sein Lebensbild“: „Der klare, streng logische Aufbau des Lateins entsprach seiner Anlage, das Griechische wie auch moderne Fremdsprachen waren nie seine Stärke. Sein Griechisch-Professor, dem er einmal eine besonders schlechte Arbeit eingeliefert hatte, verstieg sich denn auch im Zorn darüber zu dem Ausdruck, es werde nie in seinem Leben etwas Rechtes aus ihm werden.“

Durch Max Talmud (später: Talmey, 1869-1941), einen jüdischen Medizinstudenten, der bei der Familie Einstein einem jüdischen Brauch nach einmal in der Woche zum Essen eingeladen wurde, beschäftigte sich der zehnjährige Albert bereits mit naturwissenschaftlichen und philosophischen Schriften, u.a. mit Ludwig Büchners Kraft und Stoff und Humboldts Kosmos – Entwurf einer physischen Weltbeschreibung. Auch empfahl Talmud ihm das mehrbändige Werk der Naturwissenschaftlichen Volksbücher von Aaron Bernstein (1812-1884), das zu einer seiner Lieblingslektüren wurde. „Diese Art von Literatur verschlang er so, wie andere Jungen Indianerliteratur verschlingen“, schrieb Rudolf Kayser, der Schwiegersohn Einsteins, unter dem Pseudonym Anton Reiser in seiner 1930 veröffentlichten Einstein Biographie, „Albert Einstein – A Biographical Portrait“.

Im Alter von 67 Jahren erinnerte sich Albert Einstein an diese Zeit und an die Naturwissenschaftlichen Volksbücher.

„Dabei hatte ich das Glück auf Bücher zu stoßen, die es nicht gar zu genau nahmen mit der logischen Strenge, dafür aber die Hauptgedanken übersichtlich hervortreten ließen. Diese Beschäftigung war im ganzen wahrhaft faszinierend; es gab darin Höhepunkte, deren Eindruck sich mit dem der elementaren Geometrie sehr wohl messen konnte – der Grundgedanke der analytischen Geometrie, die unendlichen Reihen, der Differential- und Integralbegriff. Auch hatte ich das Glück, die wesentlichen Ergebnisse und Methoden der gesamten Naturwissenschaft in einer vortrefflichen populären, fast durchweg aufs Qualitative sich beschränkenden Darstellung kennen zu lernen (Bernsteins naturwissenschaftliche Volksbücher, ein Werk von 5 oder 6 Bänden), ein Werk, das ich mit atemloser Spannung las.“

Quelle 5): Albert Einstein, „Nekrolog“ („Autobiographische Skizze“, 1946)

Über das zweite „Wunder“, die Begegnung mit einem Geometriebuch, berichtet der 67jährige Einstein ebenfalls in seinem „Nekrolog“ („Autobiographische Skizze“): „Im Alter von 12 Jahren erlebte ich ein zweites Wunder ganz verschiedener Art: an einem Büchlein über Euklidische Geometrie der Ebene, das ich am Anfang eines Schuljahres in die Hand bekam. Da waren Aussagen wie z. B. das Sichschneiden der drei Höhen eines Dreieckes in einem Punkt, die – obwohl an sich keineswegs evident – doch mit solcher Sicherheit bewiesen werden konnten, dass ein Zweifel ausgeschlossen zu sein schien. Diese Klarheit und Sicherheit machten einen unbeschreiblichen Eindruck auf mich. Dass die Axiome unbewiesen hinzunehmen waren, beunruhigte mich nicht. Überhaupt genügte es mir vollkommen, wenn ich Beweise auf solche Sätze stützen konnte, deren Gültigkeit mir nicht zweifelhaft erschien. Ich erinnere mich beispielsweise, dass mir der pythagoreische Satz von einem Onkel mitgeteilt wurde, bevor ich das heilige Geometriebüchlein in die Hand bekam. Nach harter Mühe gelang es mir, diesen Satz auf Grund der Ähnlichkeit von Dreiecken zu „beweisen“; dabei erschien es mir „evident“, dass die Verhältnisse der Seiten eines rechtwinkligen Dreiecks durch einen der spitzen Winkel völlig bestimmt sein müssen. Nur was nicht in ähnlicher Weise „evident“ erschien, schien mir überhaupt eines Beweises zu bedürfen. Auch schienen mir die Gegenstände, von denen die Geometrie handelt, nicht von anderer Art zu sein als die Gegenstände der sinnlichen Wahrnehmung, „die man sehen und greifen konnte“.“

Onkel Jakob, der als Ingenieur eine umfassende mathematische Bildung besaß, stärkte Alberts Eifer. Dem jungen Albert machte es große Freude, komplizierte Aufgaben der angewandten Arithmetik zu lösen. Beim Lösen dieser Aufgaben gab er erst auf, wenn er die jeweilige Lösung gefunden hatte. In diesen Fällen überkam Albert ein großes Glücksgefühl. Ihm war vielleicht schon damals bewusst, welchen beruflichen Weg er entsprechend seinen Fähigkeiten gehen wollte.

Durch die tiefgehenden philosophischen Gespräche mit seinem Mentor, dem Medizinstudenten Max Talmud, und der Förderung durch seinen Onkel Jakob, wurde sein wissenschaftliches Interesse geweckt und erweitert, er ging nicht mehr allein in der Mathematik auf, sondern begann bereits, sich mit den Grundfragen der Naturwissenschaften überhaupt zu beschäftigen.

Anders als seine Lehrer auf dem Gymnasium, die pedantisch mehr auf das prompte Wissen als auf die Fähigkeit des Suchens und Nachdenkens Wert legten, verstand es Max Talmud, den jungen Albert zum eigenständigen Denken anzuregen.

Nach eigenen Worten machte sich Einstein ab dem 12. Lebensjahr mit den Elementen der Mathematik, inklusive der Prinzipien der Differential- und Integralrechnung, vertraut.

Mit der Hilfe eines Lehrers und eines Rabbis bereitete er sich 1891 darauf vor, ein „Bar Mizwa“, ein vollwertiges Mitglied in der jüdischen Gemeinde zu werden. Aufgrund einer sich bei Albert entwickelnden Freigeisterei ging er aber nicht zur „Bar Mizwa“.

Als eine der wenigen Zerstreuungen in dieser Zeit diente Albert die Musik. Er spielte auf der Violine bereits Sonaten von Mozart und Beethoven, wobei ihn seine Mutter auf dem Klavier begleitete. Er selbst spielte auch Klavier. Das Musizieren erleichterte ihm das Nachdenken. Diese Art der Zerstreuung hat er ein Leben lang beibehalten.

7 Albert Einstein, 1893

Einstein fühlte sich auf dem Gymnasium nicht besonders wohl. Die Art des Unterrichts in den meisten Fächern war ihm zuwider, und außerdem schien ihm sein Klassenlehrer nicht sehr gewogen zu sein. Auch hielten ihn die anderen Lehrer nicht für besonders begabt. So konnte er auch mit der strengen preußischen Schuldisziplin und dem damit verbundenen Drill nicht viel anfangen. Er entwickelte eine Abneigung gegen jede Art von Reglementierung. In späten Jahren verglich er die Lehrer der Volksschule mit Sergeants und die Lehrer auf dem Gymnasium mit Leutnants.

1940 berichtete Einstein in einem Briefentwurf an Philipp Frank: „… die geistlose und mechanisierte Lehrmethode, die mir bei meinem schlechten Wortgedächtnis grosse Schwierigkeiten bereitete, die zu überwinden mir ganz sinnlos erschien. Ich liess also lieber jede Sorte von Bestrafung über mir ergehen, als dass ich etwas auswendig herplappern lernte.“

Wie bereits erwähnt übersiedelte die Familie im Juni 1894 nach Italien. Albert blieb, um seine Ausbildung an Gymnasium zu beenden, allein in München und wurde bei entfernten Verwandten untergebracht.

In der 7. Klasse ließ sein Klassenlehrer, Dr. Degenhart, Albert zu sich kommen und äußerte den Wunsch, er solle die Schule verlassen. Auf Alberts Einwand, dass er sich doch nichts habe zuschulden kommen lassen, antwortete der Klassenlehrer nur: „Ihre bloße Anwesenheit verdirbt mir den Respekt in der Klasse.“ Albert, der sich mit dem autoritären Geist an der Schule auch zu Beginn des siebten Schuljahres immer noch nicht anfreunden konnte und mit der Zeit immer größere Probleme mit einigen Lehrern hatte, verließ im Dezember 1894 das Gymnasium vorzeitig und ohne Abschluss.

Um die Schule zu verlassen, besorgte er sich von seinem Hausarzt ein Attest, in dem ihm eine „neurasthenische Erschöpfung“ 4) bescheinigt wurde, die eine Unterbrechung der Schule nötig mache. Dieses Attest legte er seinem Lehrer vor und beantragte, gestützt auf das ärztliche Attest, selbst seine Entlassung aus der Schule. Am 29. Dezember 1894 verließ der 15jährige Albert Einstein München und reiste mit dem Zug nach Mailand zu seiner Familie.

4) „neurasthenische Erschöpfung“: chronische Müdigkeit und verminderte Leistungsfähigkeit, oft begleitet von erhöhter Reizbarkeit und körperlichen Beschwerden.

Alberts Eltern waren von seiner eigenmächtigen Handlungsweise sehr bestürzt. Erst als er ihnen erklärte, dass er nicht mehr nach München zurückkehren würde und sich autodidaktisch bis zum kommenden Herbst für die Aufnahmeprüfung an der Eidgenössischen Polytechnischen Schule (ETH) vorbereiten wollte, waren sie beruhigt.

Damit endete Albert Einsteins Zeit in München.

Ein möglicher weiterer Grund, Deutschland zu verlassen, war die drohende Wehrpflicht. Wäre er im Alter von 17 Jahren noch in Deutschland gewesen, so wäre er wehrpflichtig geworden. 1896, als 17jähriger, gibt Albert Einstein mit der Zustimmung seines Vaters die württembergische und damit auch die deutsche Staatangehörigkeit auf. Für die nächsten fünf Jahre ist er staatenlos.

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Bildernachweis:

Gemeinfrei: Abb. 1
Gerhard Willhalm, München: Abb. 2
The Collected Papers of Albert Einstein, Volume 1: Abb. 3
Archiv des Autors: Abb. 4
Stadtarchiv München, Signatur FS-STB-1025: Abb. 5
Stadtarchiv Ulm, Signatur G7/3.1 – 5606: Abb. 6
Gemeinfrei: Abb. 7

5) Die „Autobiographische Skizze“ Einsteins ist seine letzte größere literarische Arbeit und ergänzt seinen „Nekrolog“, den er 1946 für den von P. A. Schilpp herausgegebenen Band verfasst hatte.

Literaturnachweis:

Hrsg. John Stachel, et al.The Collected Papers of Albert Einstein,
Volume 1
Princeton 1987
Anna Beck, Translator,
Peter Havas, Consultant
The Collected Papers of Albert Einstein,
Volume 1, English translation of selected texts
Princeton 1987
Hrsg. P. A. SchilppAlbert Einstein als Philosoph und NaturforscherBraunschweig 1983
Hanoch Gutfreund, Jürgen RennEinstein on EinsteinPrinceton 2020
Walter IsaacsonEinstein – Die BiografieMünchen 2024
Albrecht FölsingAlbert Einstein – Eine BiographieFrankfurt/Main 1993
Armin HermannEinstein – Der Weltweise und sein JahrhundertMünchen 1994
Philipp FrankEinstein – Sein Leben und seine ZeitMünchen 1949
Anton ReiserAlbert Einstein – A biographical portraitNew York 1930